Susann Reck
Szenischer Unterricht
Wie wird eine Figur lebendig? Welche Rollen spielen Text, Musik, die Individualität der Darstellenden ? Welchen Einfluss nimmt das Spiel auf den Verlauf der festgelegten Handlung? Und was heißt das, wenn eine Figur eine "Haltung" hat ?
Die Entwicklung einer Figur ist eine Reise in unbekanntes Gebiet und dementsprechend spannend.
In meinem Unterricht...
...bin ich dabei die Vermittlerin zwischen bestehendem Werk und denjenigen, die Figuren interpretieren.
Das ist beim Film...
...wo ich lange gearbeitet habe, nicht viel anders als am Theater.
"Das Tagebuch der Anne Frank"
von
Grigori Frid...
...war trotzdem eine ganz besondere Reise. Ich habe an der Akademie der Künste Berlin mit Studierenden der Opernklasse Episoden der Kammeroper erarbeitet und durch Texte von Anne Frank ergänzt.
Die Auseinandersetzung und das Aufeinanderwirken von gesprochenem und gesungenem Text standen dabei im Zentrum der Arbeit, die Anne Frank als Teenager in ihrem Amsterdamer Versteck eindrucksvoll lebendig werden ließen.
Mehr dazu...
... Hier!
Projekt "Doku-Oper" an der UDK Berlin!
Zu meinem Konzept:
Die Uraufführung von Grigori Frids Mono-Oper Das Tagebuch der Anne Frank fand 1972 in Moskau statt. Die Grundlage seiner 21 musikalischen Episoden sind Texte aus Anne Franks Tagebuch.
Das brutale Ende, mit dem Anne als Teenager aus dem Leben gerissen wird, ist von Anfang an spürbar, die Dramatik der Musik hat bis heute nichts an Kraft verloren.
Erinnern bedeutet, ein zurückliegendes Ereignis lebendig, spürbar, fühlbar zu machen, auch wenn es, im Falle der Shoah, zumeist nicht einmal gelingt, Bruchstücke davon zu erfassen. Zudem verändern sich die Mittel des Erinnerns im Laufe der Zeit. So wurde vor ein paar Jahren das Tagebuch von Anne Frank als Graphic Novel veröffentlicht, um sich den Lesegewohnheiten der jüngeren Generationen anzupassen. Mittlerweile liegt der Zeitpunkt, zu dem sich Anne in dem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hat, mehr als 80 Jahre zurück.
In meiner Inszenierung von Grigori Frids Anne Frank werden einige der musikalischen Episoden durch Textpassagen aus dem Tagebuch ersetzt. Annes Humor und pubertärer Scharfsinn, ihr grenzenloser Optimismus, der kein Zweifel lässt, dass sie den nationalsozialistischen Terror überleben wird, nimmt einem noch heute den Atem. Neben diesem einzigartigen Zeitdokument arbeitet meine Inszenierung mit weiteren dokumentarischen „Splittern“. Das gilt sowohl für die Fotos als auch für die Radioansage zum D-Day, einer Originalaufnahme des BBC von 1944. Als Rahmenhandlung übernimmt eine Schauspielerin die Rolle von Anne Franks ehemaliger Freundin Hannah Goslar, die im Tagebuch das Pseudonym Lies Goosens trägt. Sie wird sowohl in Grigori Frids Libretto als auch in den Tagebuchauszügen erwähnt.
Hannah Goslar zählt zu den wenigen Überlebenden, die Anne im Frühjahr 1945 kurz vor ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen gesprochen haben. Als dokumentarische Figur verortet Hannah beziehungsweise Lies ihre Freundin Anne in unserer Gegenwart und hebt sie aus einem rein historischen Kontext heraus. Hannah Goslar ist erst 2022 in Israel gestorben.